PTNS bei Stuhlinkontinenz: Tibialisnervenstimulation als effektive Neuromodulationsbehandlung in Bern
Unwillkürlicher Stuhlverlust, plötzlich auftretender Stuhldrang oder Schwierigkeiten, den Stuhlgang rechtzeitig zu kontrollieren? Eine Stuhlinkontinenz kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Für ausgewählte Betroffene stehen neben Beckenbodentraining und Stuhlregulation auch Verfahren der Neuromodulation zur Verfügung.
Die perkutane Tibialnervenstimulation (PTNS) ist eine ambulante, wenig invasive Behandlungsmethode, bei der schwache elektrische Impulse über den Schienbeinnerv die nervale Steuerung der Beckenorgane beeinflussen sollen.
Bei Vivomed – Gastroenterologie Bern verbinden wir die Beurteilung möglicher Beckenboden- und Schliessmuskelfunktionsstörungen mit spezialisierter anorektaler Funktionsdiagnostik.
Bei geeigneter Indikation kann PTNS als ergänzende Therapie erwogen werden, insbesondere wenn konservative Massnahmen nicht ausreichend geholfen haben.
Bei welchen Beschwerden kann PTNS infrage kommen?
- Wiederkehrender unwillkürlicher Stuhlverlust
- Dranginkontinenz mit plötzlich auftretendem Stuhldrang
- Unzureichende Stuhlkontrolle trotz konservativer Behandlung
- Ausgewählte funktionelle anorektale Beschwerden
Eine PTNS-Behandlung ist nicht bei jeder Form der Stuhlinkontinenz geeignet. Deshalb ist die vorherige Abklärung der Ursache besonders wichtig.
Was ist eine perkutane Tibialnervenstimulation (PTNS)?
PTNS ist die Abkürzung für Percutaneous Tibial Nerve Stimulation, auf Deutsch perkutane Tibialnervenstimulation.
Der Nervus tibialis verläuft entlang des Unterschenkels bis zum Fuss. Seine Nervenfasern haben Verbindungen zu Rückenmarkssegmenten, die auch an der Regulation von Blase, Enddarm und Beckenboden beteiligt sind.
Bei der Behandlung wird eine dünne Nadelelektrode im Bereich des Innenknöchels platziert und mit einem elektrischen Stimulationsgerät verbunden.
Über schwache elektrische Impulse werden Nervenbahnen angeregt, welche die Steuerung der Beckenorgane beeinflussen können.
Wie wirkt die PTNS auf die Stuhlkontinenz?
Es wird angenommen, dass die wiederholte Stimulation die Verarbeitung von Signalen zwischen Darm, Beckenboden, Rückenmark und zentralem Nervensystem modulieren kann.
Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt.
PTNS ist kein direktes Muskeltraining. Sie ersetzt deshalb weder ein gezieltes Beckenbodentraining noch die Behandlung struktureller Schliessmuskeldefekte.
Ist dafür eine Operation notwendig?
Nein. Bei der perkutanen Tibialnervenstimulation ist keine operative Implantation eines Stimulators erforderlich.
Die Behandlung erfolgt ambulant über eine vorübergehend platzierte feine Nadelelektrode.
PTNS-Behandlung mit Nadelelektrode am Innenknöchel zur Therapie von Stuhlinkontinenz
Für wen ist eine PTNS-Behandlung geeignet?
Die perkutane Tibialnervenstimulation kann bei ausgewählten Patientinnen und Patienten mit Stuhlinkontinenz als ergänzende Therapie erwogen werden.
Mögliche Voraussetzungen
- Wiederkehrende, belastende Stuhlinkontinenz
- Unzureichendes Ansprechen auf Stuhlregulation, Ernährungsanpassung oder Beckenbodentraining
- Fehlende oder begrenzte Eignung anderer Verfahren
- Möglichkeit zur regelmässigen Teilnahme an den Behandlungssitzungen
- Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung nach gastroenterologischer Abklärung
Wann ist eine andere Behandlung wichtiger?
Liegt beispielsweise ein relevanter Schliessmuskeldefekt, ein Rektumprolaps, eine Überlaufinkontinenz bei ausgeprägter Obstipation oder eine aktive entzündliche Darmerkrankung vor, kann eine andere Behandlung vorrangig sein.
Auch chronischer Durchfall muss zunächst nach seiner Ursache abgeklärt und möglichst gezielt behandelt werden.
PTNS bei überaktiver Blase
Die PTNS wird auch in der Urologie zur Behandlung einer überaktiven Blase eingesetzt.
Bei kombinierter Harn- und Stuhlinkontinenz kann eine interdisziplinäre Beurteilung sinnvoll sein.
Die therapeutischen Empfehlungen unterscheiden sich jedoch je nach Erkrankung und dürfen nicht unmittelbar übertragen werden.
Welche Untersuchungen sind vor einer PTNS sinnvoll?
Die Behandlung von Stuhlinkontinenz beginnt mit einer sorgfältigen fachärztlichen Abklärung.
Je nach Beschwerden prüfen wir, ob die Ursache vor allem in der Stuhlkonsistenz, einer Schliessmuskelschwäche, einer Sensibilitätsstörung oder einer gestörten Beckenbodenkoordination liegt.
1. Anorektale Manometrie (3D-HR-ARM)
Mit der hochauflösenden anorektalen Manometrie lassen sich Druck, Schliessmuskelfunktion und relevante Funktionsabläufe im Analkanal und Enddarm untersuchen.
Diese Untersuchung kann helfen, unterschiedliche Formen der Stuhlinkontinenz voneinander abzugrenzen.
Mehr zur anorektalen Manometrie bei Vivomed
2. Endoanale Endosonographie
Mit der Endosonographie können strukturelle Veränderungen der Schliessmuskulatur untersucht werden.
Besonders relevant ist dies bei möglichen Verletzungen nach Geburten oder analen Operationen.
Endosonographie und Beckenbodendiagnostik bei Vivomed
3. Stuhl- und Beschwerdetagebuch
Die Dokumentation von Stuhlgewohnheiten, Inkontinenzereignissen, Stuhldrang und Stuhlkonsistenz unterstützt die individuelle Beurteilung.
Bei Bedarf setzen wir standardisierte Inkontinenz-Scores ein.
4. Neurogastroenterologische Sprechstunde
Bei komplexen Funktionsstörungen des Enddarms und Beckenbodens erfolgt eine weiterführende neurogastroenterologische Beurteilung.
Sprechstunde für Neurogastroenterologie und Motilitätsstörungen
Wie läuft eine PTNS-Behandlung ab?
Die perkutane Tibialnervenstimulation erfolgt ambulant und benötigt in der Regel keine Sedierung oder Narkose.
1. Platzierung der Elektrode
Eine sehr feine Nadelelektrode wird im Bereich des Innenknöchels platziert.
Zusätzlich wird eine Oberflächenelektrode am Fuss angebracht.
2. Elektrische Stimulation
Über ein Stimulationsgerät werden schwache, kontrollierte elektrische Impulse abgegeben.
Ein leichtes Kribbeln im Fuss oder eine Bewegung der Zehen kann anzeigen, dass die Stimulation den vorgesehenen Nervenbereich erreicht.
3. Behandlungsdauer
Eine Sitzung dauert üblicherweise 30 Minuten.
Ein häufig verwendetes Initialschema umfasst 12 Sitzungen über etwa 12 Wochen, meist einmal wöchentlich.
4. Auswertung der Behandlung
Nach Abschluss der Initialbehandlung werden die Beschwerden und der Verlauf erneut beurteilt.
Hierzu können ein Stuhltagebuch, die Anzahl der Inkontinenzereignisse und standardisierte Fragebögen herangezogen werden.
5. Erhaltungstherapie
Wenn die PTNS zu einer relevanten Verbesserung führt, können wiederholte Auffrischungssitzungen erwogen werden.
Die Intervalle sind nicht einheitlich festgelegt und richten sich nach dem individuellen Verlauf.
Wie wirksam ist PTNS bei Stuhlinkontinenz?
Die Wirkung der perkutanen Tibialnervenstimulation bei Stuhlinkontinenz wurde in mehreren klinischen Studien untersucht.
Ein Teil der Behandelten berichtet über weniger Inkontinenzereignisse oder eine bessere Stuhlkontrolle.
Was zeigen wissenschaftliche Studien?
Eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse randomisierter Studien fand unter PTNS im Vergleich zur Scheinstimulation im Durchschnitt eine Verringerung der wöchentlichen Stuhlinkontinenzepisoden.
Die Ergebnisse waren jedoch nicht für alle Endpunkte eindeutig.
Insbesondere zeigten sich keine konsistenten Verbesserungen bei standardisierten Inkontinenz-Scores und der Lebensqualität.
Wie bewerten Leitlinien die PTNS?
Internationale Empfehlungen weisen darauf hin, dass die Wirksamkeit insbesondere bei Stuhlinkontinenz noch nicht ausreichend gesichert ist.
Die PTNS sollte daher nach sorgfältiger Diagnostik und individueller Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden.
Wann tritt eine Wirkung ein?
Eine mögliche Besserung kann im Verlauf der Behandlung auftreten.
Ein zuverlässiges Ansprechen nach einer bestimmten Anzahl von Sitzungen kann jedoch nicht garantiert werden.
PTNS kann Beschwerden lindern, ist aber keine garantierte Heilung der Stuhlinkontinenz.
Welche Nebenwirkungen hat eine PTNS-Behandlung?
Die perkutane Tibialnervenstimulation ist insgesamt eine wenig invasive und meist gut verträgliche Behandlung.
Mögliche Nebenwirkungen
- Leichte Schmerzen an der Einstichstelle
- Vorübergehende Rötung oder Reizung
- Kleine Hämatome
- Kribbeln oder vorübergehendes Taubheitsgefühl
- Selten lokale Entzündungen
Wann ist besondere Vorsicht erforderlich?
Vor der Behandlung müssen mögliche Kontraindikationen berücksichtigt werden.
Dazu gehören beispielsweise bestimmte implantierte elektrische Geräte, insbesondere Herzschrittmacher oder Defibrillatoren, relevante Blutungsrisiken sowie Erkrankungen im Bereich der vorgesehenen Einstichstelle.
Auch bei Schwangerschaft wird die Behandlung in der Regel nicht durchgeführt.
Die individuelle Eignung wird vor Beginn ärztlich geprüft.
Welche Alternativen zur PTNS gibt es?
Die Behandlung der Stuhlinkontinenz richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
Stuhlregulation
Eine gezielte Anpassung der Stuhlkonsistenz kann bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Kontinenz führen.
Hierzu kommen je nach Situation Ballaststoffe, Antidiarrhoika oder die Behandlung einer Obstipation infrage.
Beckenbodentraining und Biofeedback
Ein spezialisiertes Beckenbodentraining mit Biofeedback kann die Koordination und Kontrolle der Beckenboden- und Schliessmuskulatur unterstützen.
Sakrale Neuromodulation
Die sakrale Neuromodulation ist ein anderes, stärker invasives Verfahren mit implantiertem Stimulationssystem.
Sie ist bei ausgewählten Patientinnen und Patienten mit Stuhlinkontinenz eine etablierte Behandlungsoption.
Operative Behandlung
Bei bestimmten anatomischen Schliessmuskeldefekten oder anderen strukturellen Ursachen kann eine chirurgische Behandlung sinnvoll sein.
Welche Therapie geeignet ist, entscheiden wir anhand der klinischen Situation und der Ergebnisse der Funktionsdiagnostik.
Häufige Fragen zur Tibialnervenstimulation (PTNS)
Was ist PTNS?
PTNS ist eine wenig invasive Neuromodulationsbehandlung, bei der der Nervus tibialis am Innenknöchel elektrisch stimuliert wird.
Kann PTNS bei Stuhlinkontinenz helfen?
Bei ausgewählten Betroffenen kann PTNS die Anzahl der Inkontinenzereignisse reduzieren. Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind jedoch nicht einheitlich.
Wie viele Sitzungen sind notwendig?
Ein häufig verwendetes Initialschema umfasst zwölf Sitzungen, normalerweise einmal pro Woche.
Wie lange dauert eine Sitzung?
Die eigentliche elektrische Stimulation dauert üblicherweise ungefähr 30 Minuten.
Ist die PTNS schmerzhaft?
Die Behandlung wird in der Regel gut vertragen. Beim Einführen der Nadel kann ein kurzer Stich und während der Behandlung ein Kribbeln auftreten.
Ist eine Operation erforderlich?
Nein. Die perkutane PTNS erfolgt ambulant ohne chirurgische Implantation eines Stimulators.
Wie schnell hilft PTNS?
Eine Besserung kann während der Behandlungsserie auftreten. Ob die Behandlung ausreichend wirkt, lässt sich individuell beurteilen.
Muss die Behandlung wiederholt werden?
Bei erfolgreicher Behandlung können Auffrischungssitzungen notwendig sein. Das Intervall hängt vom Verlauf ab.
Ist PTNS bei einer überaktiven Blase möglich?
Ja. PTNS wird auch in der Urologie zur Behandlung bestimmter Blasenfunktionsstörungen eingesetzt.
Welche Untersuchungen sind vor PTNS sinnvoll?
Je nach Beschwerdebild können eine anorektale Manometrie, Endosonographie und eine spezialisierte Beckenbodenuntersuchung sinnvoll sein.
PTNS und Behandlung von Stuhlinkontinenz bei Vivomed in Bern
Sie leiden unter unwillkürlichem Stuhlverlust, starkem Stuhldrang oder anderen Beckenbodenbeschwerden?
Bei Vivomed bieten wir eine spezialisierte gastroenterologische Abklärung mit hochauflösender anorektaler Manometrie und ergänzenden Untersuchungsverfahren an.
Auf dieser Grundlage besprechen wir geeignete konservative und neuromodulatorische Behandlungsoptionen.
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Vivomed – Gastroenterologie Bern
Waisenhausplatz 28
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E-Mail: vivomed@hin.ch
Über den medizinischen Autor
Dr. med. Stefan H. Schlosser, MBA, FEBGH
Facharzt FMH für Gastroenterologie und Allgemeine Innere Medizin
Dr. med. Stefan H. Schlosser ist Gastroenterologe und Leiter von Vivomed – Gastroenterologie Bern.
Zu seinen klinischen Schwerpunkten gehören die gastroenterologische Funktionsdiagnostik, Neurogastroenterologie, anorektale Manometrie und die Abklärung von Beckenboden- und Darmentleerungsstörungen.
Mehr über Dr. med. Stefan Schlosser
Medizinisch aktualisiert: Oktober 2026
Wissenschaftliche Grundlagen
- NICE. Percutaneous tibial nerve stimulation for faecal incontinence. HealthTech Guidance HTG263. NICE-Empfehlung
- Tahmasbi F et al. Effects of Posterior Tibial Nerve Stimulation on Fecal Incontinence: An Umbrella Review. Neuromodulation. 2024. Übersichtsarbeit
- Is percutaneous tibial nerve stimulation effective for fecal incontinence in adults compared with sham electrical stimulation? A meta-analysis. Techniques in Coloproctology. 2024. Randomisierte Evidenz
Die Informationen ersetzen keine individuelle ärztliche Untersuchung oder Therapieentscheidung.